Du kannst auf Amazon Bestseller sein – und im Regal einer Buchhandlung zwei Kilometer entfernt existierst du nicht. Das ist kein Einzelfall, sondern strukturelles Prinzip. Eine Studie bestätigt jetzt, was viele Self-Publisher schon lange ahnen.
Was die Studie untersucht hat
Anna Fee Blochberger hat im Rahmen ihrer Bachelorarbeit im Studiengang Bibliotheks- und Informationsmanagement an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) untersucht, wie sichtbar Selfpublishing-Titel im stationären Buchhandel sind – und welche Rolle sie in öffentlichen Bibliotheken spielen. Als Beispiel zog sie die Bücherhallen Hamburg heran, befragte außerdem die Hamburger Buchhandlung Heymann und führte eine deutschlandweite Umfrage durch.
Das Ergebnis ist eindeutig: Selfpublishing-Medien werden weder von Buchhandlungen noch von Bibliotheken aktiv in ihre Medienauswahl einbezogen. Blochberger schreibt, dass jene Wege, über die Self-Publisher ihren Werken Sichtbarkeit verschaffen, in der berufstäglichen Recherche der Buchhändler:innen und Bibliothekar:innen „nur eine geringe Rolle“ einnehmen.
Das strukturelle Problem
Es fehlt eine Infrastruktur. Buchhandlungen und Bibliotheken beziehen ihre Informationen über Neuerscheinungen aus bewährten Fachquellen – Verlagsvorschauen, Fachzeitschriften, dem Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB). Self-Publisher sind im VLB zwar präsent, wenn sie eine ISBN haben. Aber die Nutzung des VLB durch Buchhandlungen ist lückenhaft, und die Sichtbarkeitsstrategien von Self-Publishern – Amazon-Rankings, Rezensionen, Social Media – werden dort schlicht nicht wahrgenommen.
Die Folge: Ein Buch kann tausende Kopien verkauft haben und dennoch für lokale Buchhandlungen oder Bibliotheken praktisch nicht existieren. Es erreicht sie nicht über die Kanäle, die sie nutzen.
Ein interessantes Teilergebnis: In beiden Berufsgruppen – Buchhandel und Bibliotheken – war regionale Relevanz ein wichtiger Faktor bei der Medienauswahl. Self-Publisher, die lokal oder regional bekannt sind, haben also durchaus eine Chance, in Bibliotheken oder Buchhandlungen vor Ort aufgenommen zu werden – wenn sie aktiv auf sie zugehen.
Vorurteile bestehen weiter
Die Studie zeigt auch, dass Selfpublishing-Medien im Vergleich zu Verlagstiteln „noch immer vorurteilbelastet“ sind. Das überrascht nicht – die Branche kämpft seit Jahren damit, dass Qualität und Professionalität vieler Self-Publisher nicht als solche wahrgenommen werden. Interessanterweise unterscheidet sich die grundsätzliche Bereitschaft, Selfpublishing-Titel anzuschaffen, zwischen Buchhändler:innen und Bibliothekar:innen laut Blochberger kaum. Das Problem liegt also weniger im Willen als im fehlenden Werkzeug.
Als möglichen Lösungsansatz erwähnt die Studie einen eigenen Selfpublishing-Informationsdienst beim Bibliotheksdienstleister ekz, der Bibliotheken bisher vor allem mit Verlagstiteln versorgt. Ob ein solcher Dienst realistisch ist und wie er ausgestaltet sein müsste, lässt die Arbeit bewusst offen – sie sieht sich als Ausgangspunkt weiterer Forschung.
Was das für dich als Self-Publisher bedeutet
Die Studie spiegelt wider, was in der Praxis bekannt ist: Der deutsche Self-Publishing-Markt ist ein Online-Markt. Amazon, tolino, Kobo – das sind die Verkaufskanäle. Der stationäre Handel ist für die meisten Self-Publisher kein relevanter Vertriebsweg, weil die Infrastruktur fehlt.
Wer das ändern will, muss selbst aktiv werden: eine ISBN beschaffen, sich im VLB registrieren und direkt auf lokale Buchhandlungen oder Bibliotheken zugehen – insbesondere wenn ein regionaler Bezug vorhanden ist. Passiert das nicht, bleibt der Buchhandel eine Welt, in der Self-Publisher schlicht nicht vorkommen.