Audible stellt Tantiemen um: 50 Prozent exklusiv, Abrechnung nach „Member Value“ – und deutsche Autoren bleiben bei ACX draußen

Kabellose Kopfhörer liegen auf einem Stapel Bücher
Audible rechnet Hörbücher künftig nach dem Abo-Wert der Hörer ab – für deutsche Autoren bleibt ACX trotzdem verschlossen. (Foto: Pexels)

Seit dem 26. Mai 2026 können alle ACX-Autoren, -Sprecher und -Produzenten ihre Hörbücher in Audibles neues Tantiemenmodell einschreiben. Die Schlagzeile klingt großzügig: 50 Prozent bei exklusivem Vertrieb statt bisher 40, 30 Prozent bei nicht-exklusivem Vertrieb statt bisher 25. Das alte Modell läuft laut ACX bis Ende 2026 aus. Wer seine Titel bis dahin nicht umstellt, muss den Vertrieb über Audible beenden. Und für dich als deutschen Autor ändert sich – erst einmal – gar nichts. Dazu gleich mehr.

Was Audible wirklich ändert

Die höheren Prozentsätze sind nur die halbe Wahrheit. Entscheidend ist, worauf sie sich beziehen. Bisher rechnete Audible pro Transaktion ab: ein Credit, ein Verkauf, ein Anteil am Preis. Künftig gilt der sogenannte „Member Value“. ACX definiert ihn so: der Preis des monatlichen Abo-Plans eines Hörers abzüglich Steuern und Gebühren; nutzt ein Mitglied in dem Monat zusätzliche Credits, kommt deren Wert dazu. Dieser Betrag wird dann anteilig auf die Titel verteilt, die das Mitglied gehört hat.

Das ist im Kern dasselbe Prinzip wie bei Kindle Unlimited oder Spotify: Ein Topf, verteilt nach Nutzung. Kindlepreneur bringt es auf den Punkt: Höhere Prozentsätze bedeuten nicht automatisch höhere Einnahmen, wenn sich das darunterliegende Abrechnungssystem ändert. Ob du am Ende mehr verdienst, hängt davon ab, wie viel Abo-Wert deine Hörer mitbringen und wie viele andere Titel sie im selben Monat hören.

Die Eckdaten laut ACX-Blog (veröffentlicht am 28. April 2026, aktualisiert am 26. Mai 2026):

  • Einschreibung für alle Creator ab 26. Mai 2026; die Umstellung wird zum Ersten des Folgemonats wirksam.
  • 50 Prozent exklusiv, 30 Prozent nicht-exklusiv, Berechnung nach Member Value.
  • Das Altmodell (40/25 Prozent) endet bis zum Jahresende 2026.
  • Audible hat das Modell nach eigenen Angaben über ein Jahr lang getestet, von April 2025 bis Mai 2026.

Die im Blog zitierten Autoren berichten von besserer Sichtbarkeit und schnellerem Rücklauf. Das sind Testimonials des Anbieters, keine unabhängigen Zahlen. Nimm sie als das, was sie sind.

Warum deutsche Autoren weiter draußen bleiben

Die eigentliche Nachricht für dich steht in der ACX-Hilfe, unverändert seit Jahren: „ACX is currently open to residents of the United States, United Kingdom, Canada and Ireland who have a mailing address, valid local Taxpayer Identification Number (TIN), and banking details for one of these countries.“ Wohnsitz, Steuernummer und Bankkonto in einem dieser vier Länder – ohne das kein ACX-Konto. Ein deutscher Wohnsitz reicht nicht, und das neue Tantiemenmodell ändert daran nichts.

Das ist ärgerlich, weil Audible der wichtigste Hörbuch-Shop im deutschsprachigen Raum ist und ACX die direkteste Route dorthin wäre. Wer aus Deutschland zu Audible will, braucht weiterhin einen Distributor, der die Titel dort einliefert. Die gute Nachricht: Das Angebot an solchen Distributoren hat sich im letzten Jahr deutlich verändert.

Findaway Voices ist Geschichte

Am 1. August 2025 hat Spotify den Betrieb von Findaway Voices eingestellt. Die Alliance of Independent Authors (ALLi) beschrieb die Aufteilung im Mai 2025 so: Spotify konzentriert sich mit Spotify for Authors auf den direkten Upload zu Spotify, die Distributionsrechte für alle anderen Plattformen gingen an ein neues Unternehmen namens INaudio. Wer Findaway-Kunde war, konnte sich laut ALLi mit denselben Zugangsdaten bei INaudio anmelden; die Konditionen für bereits vertriebene Bücher blieben gleich. Spotify hatte Findaway Voices im Oktober 2023 übernommen.

Für deutsche Autoren heißt das: Der jahrelang meistgenutzte Umweg zu Audible läuft jetzt über einen neuen Anbieter, dessen Erfahrungswerte noch dünn sind.

tolino media: Hörbücher zu 70 Prozent

Seit dem 1. April 2026 gibt es eine deutsche Alternative. tolino media nimmt jetzt neben E-Books und Printbüchern auch Hörbücher an. Laut buchmarkt.de erhältst du 70 Prozent des Nettoerlöses, Vertriebsgebühren fallen keine an. Ausgeliefert wird unter anderem an Apple Books, BookBeat, Deezer, Google Play, Rakuten Kobo, RTL+, Skoobe, Spotify, Thalia und tolino Audiobook. Die Produktion selbst musst du außerhalb der Plattform organisieren. Geschäftsleiter Michael Döschner-Apostolidis wird so zitiert: „Der Audiomarkt wächst rasant und wir möchten unabhängigen Autorinnen und Autoren ermöglichen, an diesem Wachstum teilzuhaben.“

Audible fehlt in dieser Liste. Das ist der Haken. Für den Audible-Katalog brauchst du also weiterhin einen Distributor mit Audible-Anbindung – oder einen Partner mit ACX-Zugang in einem der vier Länder.

Faustregel für die Kalkulation
Rechne nicht mit Prozentsätzen, sondern mit Euro pro gehörter Stunde. Bei Pool-Modellen wie Audibles Member Value oder Kindle Unlimited entscheidet die Nutzung, nicht der Listenpreis. Vergleiche die Auszahlungen deines Distributors nach drei Monaten mit dem, was dir eine 70-Prozent-Abrechnung wie bei tolino media gebracht hätte.

Was das für dich bedeutet

Einordnung: Audibles neues Modell ist keine Gehaltserhöhung, sondern ein Systemwechsel. Wer dort über einen Distributor liegt, sollte in den Abrechnungen ab Sommer 2026 genau hinschauen, ob die Erträge pro Titel steigen oder fallen. Wer neu einsteigt, hat mit tolino media zum ersten Mal einen deutschen Anbieter mit klarer 70-Prozent-Regel für Hörbücher und breiter Streaming-Abdeckung – nur eben ohne Audible. Lies dazu unseren Leitfaden Hörbuch selbst veröffentlichen und die Checkliste zur Hörbuch-Produktion. Und prüfe, ob dein Genre überhaupt im Streaming stattfindet: Ein Sachbuch mit 40 Hörstunden und ein Liebesroman mit acht funktionieren in einem Nutzungs-Pool sehr unterschiedlich.

Quellen: ACX-Blog, Kindlepreneur, ACX-Hilfe, ALLi, buchmarkt.de