Verlag und Self-Publishing zugleich: Warum „Manfred mi Amor“ jetzt auch über tredition kommt

Gero Wenderholm hält vor dem Vereinswappen des FC St. Pauli das gelbe Taschenbuch Manfred mi Amor in die Kamera
Erstes Exemplar in der Hand: Gero Wenderholm am Erscheinungstag mit „Manfred mi Amor“ auf St. Pauli, dem Schauplatz des Romans. (Foto: privat)

Seit heute ist „Manfred mi Amor“ lieferbar, der Debütroman von Gero Wenderholm, erschienen im PMLakeman-Verlag aus Römerberg in der Pfalz (392 Seiten, Broschur, 18 Euro, ISBN 978-3-911187-08-4). In den nächsten Tagen kommt eine zweite Bezugsquelle dazu: eine Ausgabe über die Self-Publishing-Plattform tredition, auf deren Autorenseite Wenderholm bereits gelistet ist. Verlagsautor und Self-Publisher mit demselben Buch? Das klingt nach Widerspruch, ist aber eine Antwort auf ein Problem, das jeden Autor in einem kleinen Verlag trifft: Ein Verlagsvertrag bringt dein Buch nicht automatisch in den Buchhandel.

Vorab zur Transparenz: Gero Wenderholm betreibt diese Website. Die Zahlen und Zitate in diesem Artikel stammen aus öffentlich nachprüfbaren Quellen, die am Ende verlinkt sind.

Warum ein Verlagsbuch im Laden als „nicht lieferbar“ gilt

Wer glaubt, mit einem Verlag im Rücken stehe das Buch bei Thalia und Hugendubel im Regal oder sei wenigstens an jeder Ladentheke bestellbar, lernt beim ersten Besuch in der Buchhandlung dazu. Der deutsche Buchhandel bezieht den Großteil seiner Ware nicht direkt von den Verlagen, sondern über den Zwischenbuchhandel, die sogenannten Barsortimente. Davon gibt es in Deutschland genau drei: Libri (Hamburg), Zeitfracht (bis 2019 KNV, Logistikzentrum in Erfurt) und Umbreit (Bietigheim-Bissingen). Zeitfracht allein beliefert nach eigenen Angaben rund 7.000 Buchhandlungen über Nacht. Was dort am Lager liegt, bestellt die Buchhändlerin mit zwei Klicks im Warenwirtschaftssystem und hat es am nächsten Morgen im Laden. Was nicht am Lager liegt, zeigt dasselbe System oft als „nicht lieferbar“ an, selbst wenn der Verlag das Buch jederzeit per Post schicken würde.

Genau dort hängen Kleinverlage. Die Barsortimente nehmen Verlage nur mit Lieferantenvertrag auf, und Libri nennt als Voraussetzung unter anderem, dass ein Verlag bereits mehrere Bücher veröffentlicht hat und die Titel zum Sortiment passen. Ein Verlag mit einer Handvoll Titel, der noch keine Verkaufszahlen vorweisen kann, bekommt diesen Vertrag selten. Und selbst wer drin ist, kann wieder rausfliegen: Im Sommer 2019 strich Libri rund 180.000 Titel aus dem Lager, der Bestand sank von etwa einer Million auf 750.000 lieferbare Titel. Betroffen waren laut taz und Börsenblatt vor allem Backlist-Titel kleiner, unabhängiger Verlage. Lieferbar blieben die Bücher trotzdem, nur eben nicht über Libri. Für den Kunden im Laden sah es aus, als gäbe es sie nicht mehr.

Die Marktkonzentration verschärft das. Thalia (nach der Fusion mit der Mayerschen rund 330 Filialen in Deutschland und Österreich, dazu die Hälfte an Orell Füssli in der Schweiz), Hugendubel und Weltbild bestimmen einen großen Teil des stationären Geschäfts, und ihre Zentrallager und Online-Shops hängen an den Katalogen der Barsortimente. Ein Buch, das weder bei Libri noch bei Zeitfracht gelistet ist, taucht in diesen Shops in der Regel gar nicht erst auf. Die Buchhandlung könnte direkt beim Verlag bestellen; viele tun es nicht, weil Einzelbestellungen außerhalb des Systems Arbeit machen, Porto kosten und das Buch nicht remittiert werden kann. „Können wir nicht liefern“ heißt deshalb meistens: „Wollen wir nicht einzeln bestellen.“

Faustregel: Ein Verlagsvertrag ohne Barsortimentsanbindung bringt dir im stationären Handel weniger als ein Self-Publishing-Titel bei BoD oder tredition. Frag vor der Unterschrift, bei welchen der drei Barsortimente der Verlag einen Lieferantenvertrag hat und ob die Titel dort tatsächlich bevorratet werden. „Im VLB gelistet“ reicht nicht; das sind alle Bücher mit ISBN.

Der Weg aus beiden Welten

Der PMLakeman-Verlag ist ein klassischer Kleinverlag: kurzes Programm, eigener Shop, Lieferzeit drei bis fünf Werktage, keine Listung bei Libri. Für Lesungen, den Verlagsshop und den Direktverkauf reicht das. Für die Leserin, die den Roman nach einem Tipp im Laden um die Ecke oder bei thalia.de bestellen will, nicht. Deshalb kommt jetzt der zweite Weg dazu: Wenderholm bringt den Titel zusätzlich über tredition heraus. Das Hamburger Unternehmen (nach eigenen Angaben über 200.000 Bücher von mehr als 20.000 Autoren) trägt jeden Titel ins VLB ein und liefert ihn an die Barsortimente, so dass Buchhandlungen ihn über ihr normales System bestellen können und er bei Thalia, Hugendubel und Weltbild online auftaucht. Dazu kommen Amazon, Apple Books, tolino und die internationalen Shops, die der Verlag allein nicht alle bedienen würde.

Das Modell ist keine Notlösung, sondern Arbeitsteilung. Der Verlag bringt Lektorat, Cover, Buchsatz, die Verlagsmarke und die Veranstaltungen; tredition liefert die Logistik in einen Handel, der Kleinverlage strukturell aussperrt. Für den Autor heißt das: zwei Abrechnungen, zwei Ansprechpartner, dafür ein Buch, das überall bestellbar ist. Wichtig dabei: Beide Wege müssen sich an die Buchpreisbindung halten, und die Rechteverteilung zwischen Verlag und Autor muss das zweite Vertriebsmodell ausdrücklich erlauben. Wer einen Verlagsvertrag mit exklusiven Nutzungsrechten unterschrieben hat, kann nicht nebenbei bei tredition veröffentlichen. Das muss vorher vereinbart sein, im Idealfall schon im Vertrag.

Für Self-Publisher ist die umgekehrte Lesart interessant. Die Frage „Verlag oder Self-Publishing“, die wir im Artikel Self-Publishing vs. Verlag durchgehen, stellt sich bei kleinen Verlagen nicht als Entweder-oder. Der Verlag nimmt dir Lektorat, Satz und Cover ab und gibt dir einen Namen auf dem Buchrücken; den Vertrieb organisierst du im Zweifel selbst, so wie du es als Self-Publisher ohnehin tun würdest. Mehr dazu, wie du mit einem Self-Publishing-Titel überhaupt in den Buchhandel kommst, steht im Artikel Buchhandel für Self-Publisher.

Erste Leserstimmen

Worum geht es überhaupt? Der Verlag fasst es so zusammen: „Tinder oder Tanzcafé? KI oder Kochkurs? Excel oder Eislaufen? Ein nerdiger Großstadtsingle und sein schrulliger Amor liefern sich ein bizarres Dating-Duell durch St. Pauli. Beide wollen dasselbe: die große Liebe finden und den jeweils anderen endlich loswerden.“ Manfred, der Amor, ist dabei kein Fabelwesen, sondern die zweite Stimme im Kopf des Erzählers, die hier einen Namen bekommt.

Die ersten Rückmeldungen von Vorab-Lesern fallen deutlich aus. Auf der Verlagsseite schreibt eine Leserin, sie habe den Roman vor allem in Bus und Bahn gelesen, „wo ich mit meinem Lachen vermutlich mehr als nur einmal für Unterhaltung beim unfreiwilligen Publikum gesorgt habe“, und nennt das Buch „herrlich kurzweilig, witzig“ mit „gleichzeitig Tiefgang“. Ein zweiter Leser lobt die „mega witzigen Dialoge“ und dass der Autor „trotzdem das Herz am richtigen Fleck“ habe. Eine Vorab-Leserin meldete dem Autor, sie habe auf jeder Seite mindestens dreimal gelacht; ihr Mann ergänzte über einen anderen Kanal, er habe seine Frau in 20 Jahren Ehe beim Lesen noch nie so glücklich gesehen. Wenderholm dazu: „So ein überragendes Feedback entschädigt natürlich für alle Mühen.“

Ob daraus mehr wird als ein guter Start, entscheidet sich in den nächsten Monaten, und zwar genau an der Stelle, um die es in diesem Artikel geht: ob das Buch dort auftaucht, wo Leser danach suchen. Die Release-Party mit Lesung findet am 25. Oktober 2026 um 20:30 Uhr im Nachthafen auf St. Pauli statt, Eintritt frei, Anmeldung über fortschrift.net, dem Blog zum Buch.

Was das für dich bedeutet

Erstens: Prüfe jeden Verlagsvertrag auf den Vertrieb, nicht nur auf das Honorar. Ein Kleinverlag ohne Barsortimentsanbindung ist ein Lektorats- und Cover-Partner, kein Vertriebspartner. Das kann trotzdem ein gutes Geschäft sein, wenn du es weißt. Zweitens: Lass dir im Vertrag die Möglichkeit offen, Ausgaben über eine Self-Publishing-Plattform oder einen Barsortimentsdienstleister selbst zu organisieren, falls der Verlag es nicht kann. Drittens: Wenn eine Buchhandlung dir sagt, dein Buch sei nicht lieferbar, frag nach, bei welchem Barsortiment sie nachgesehen hat, und ob sie direkt beim Verlag bestellen würde. Oft reicht ein Anruf des Verlags mit Händlerkonditionen, damit aus „nicht lieferbar“ ein Stapel auf dem Tisch wird. Und viertens, für alle, die den eigenen Verlag gründen wollen: Die Barsortimente sind die eigentliche Hürde, nicht die ISBN und nicht das Gewerbeamt.

Quellen: PMLakeman-Verlag: Manfred mi Amor (Produktdaten, Klappentext, Rezensionen), tredition Shop: Autorenseite Gero Wenderholm, tredition: Der deutsche Buchhandel, ein Überblick für Autoren (Barsortimente, Zeitfracht 7.000 Buchhandlungen, Libri-Auslistung 2019, Thalia/Mayersche), Libri: Informationen für Autoren und Verlage (Voraussetzungen Lieferantenvertrag), Perlentaucher: Presseschau zu Libri (taz 25.11.2019, 9punkt 17.12.2019: Bestand von einer Million auf 750.000 Titel), der Freitag: Kleine Verlage in Gefahr (Else Laudan, 3.12.2019), tredition: Startseite (200.000+ Bücher, 20.000+ Autoren)