Aus Kindle Unlimited wird Kindle+: Amazon holt KDP-Hörbücher ins Abo und zahlt sie aus dem KENP-Topf

Eine Frau hält einen Kindle in den Händen, auf dem Tisch davor liegen ein Buch und ein Croissant
Lesen oder hören, Amazon rechnet beides in Seiten ab: Kindle+ ersetzt seit dem 22. Oktober 2026 das Abo Kindle Unlimited. (Foto: freestocks.org, Pexels)

Kindle Unlimited gibt es nicht mehr. Seit dem 22. Oktober 2026 heißt Amazons Lese-Flatrate Kindle+, zuerst in den USA, seit Anfang dieser Woche auch auf Amazon.de. Preis und Regeln für Leser bleiben gleich: 11,99 Dollar im US-Shop, in Deutschland weiter knapp 12 Euro im Monat, bis zu 20 Titel gleichzeitig, Lesehistorie und Notizen wandern mit. Die eigentliche Nachricht steckt in der KDP-Ankündigung vom selben Tag: Amazon nimmt Hörbücher von Self-Publishern ins Abo auf und bezahlt sie aus demselben Topf wie gelesene E-Book-Seiten, dem KDP Select Global Fund. Vorerst gilt das nur für Hörer im US-Shop. Weitere Marktplätze sollen folgen, einen Termin nennt Amazon nicht.

Was sich ändert und was nicht

Für Leser ist Kindle+ bislang vor allem ein neuer Name mit neuem Badge. Amazon bewirbt das Abo jetzt mit „über 5 Millionen E-Books und Hörbüchern“ und verspricht für die USA „Tausende weitere Hörbücher“. In Deutschland verändern sich laut Amazon weder Inhalte noch Ausleihbedingungen; die Hörbuchversionen, die es dort schon gab, stammen aus dem Audible-Katalog und waren bereits Teil des Abos. Dein Kindle-Unlimited-Badge auf Cover, Website und in Anzeigen darfst du weiter benutzen; auf der KDP-Hilfeseite liegt die neue Kindle+-Version zum Download.

Für Autoren ist die Umbenennung die kleinere Änderung. Die größere: Hörbücher, die über KDP oder ACX laufen, können jetzt Teil des Abos sein, und zwar nach drei Regeln.

  • Virtual-Voice-Hörbücher, also die mit Amazons KI-Stimme erzeugten Versionen, sind automatisch dabei, sobald das zugehörige E-Book in KDP Select steckt. Einen eigenen Schalter gibt es nicht: Wer das Hörbuch nicht im Abo haben will, muss es depublizieren oder das E-Book aus Select nehmen. Virtual Voice selbst bleibt eine Beta, die Amazon nur auf Einladung öffnet.
  • Menschlich eingesprochene ACX-Hörbücher kommen rein, wenn vier Bedingungen zugleich erfüllt sind: E-Book in KDP Select, exklusiver Vertrieb über Audible, Whispersync for Voice aktiviert und das Modell „Pay for Production“, bei dem du den Sprecher selbst bezahlt hast. Die Anmeldung läuft über das KDP-Bookshelf.
  • Royalty Share und Royalty Share Plus, also alle Produktionen, bei denen der Sprecher am Erlös beteiligt ist, sind zum Start ausgeschlossen. Amazon „prüft“ eine Erweiterung.

Bezahlt wird pro gehörter Seite

Amazon rechnet Hören genauso ab wie Lesen: pro Seite, nach der genormten KENP-Zählung des E-Books. Jede Seite wird pro Abonnent nur einmal bezahlt, egal in welchem Format. Wer ein Buch erst liest und dann hört, bringt dir kein zweites Mal Geld. Beim Immersion Reading, also Lesen und Hören gleichzeitig, gilt der höhere der beiden Sätze, falls Amazon für Hören und Lesen irgendwann unterschiedliche Sätze ansetzt. Ob es dazu kommt, sagt Amazon nicht; bislang gibt es nur die Aussage, dass die Vergütungsstruktur sich „weiterentwickeln“ könne. In den KDP-Berichten erscheinen gelesene und gehörte Seiten ab Oktober getrennt, die Spalte in der Tantiemenübersicht heißt jetzt „Kindle+ reads and listens“, und ein Filter „All formats“ zeigt beides zusammen.

Der Haken liegt im Topf. Alle diese Seiten, gelesene wie gehörte, werden aus dem KDP Select Global Fund bezahlt. Der lag im September 2026 bei 65,9 Millionen Dollar, nach 66,0 Millionen im August und dem Rekord von 67,6 Millionen im Juli; die September-Rate betrug 0,005365 Dollar pro Seite im US-Shop und 0,0030 Euro im deutschen. Nach einer Zählung von The New Publishing Standard hat Amazon seit dem Start von Kindle Unlimited im Juli 2014 insgesamt 4,99 Milliarden Dollar an Self-Publisher und Kleinverlage ausgeschüttet; mit den Oktober-Zahlen Mitte November dürfte die Marke von 5 Milliarden fallen. Amazon schreibt, man investiere „zusätzliche Mittel“ für den neuen Hörbuchkatalog, nennt aber weder eine Summe noch eine Laufzeit. Die Höhe des Fonds legt Amazon jeden Monat allein fest. Wenn die zusätzlichen Mittel irgendwann wegfallen, die gehörten Seiten aber bleiben, sinkt der Satz pro Seite für alle, auch für Autoren ohne Hörbuch.

Faustregel: Ein Topf, zwei Formate, ein Satz pro Seite. Solange Amazon keine getrennten Raten für Lesen und Hören veröffentlicht, beobachte die US-Rate ab Mitte November wie einen Frühindikator: Steigt die Zahl der bezahlten Seiten (Fonds geteilt durch Rate) deutlich über die rund 12,3 Milliarden vom September, ohne dass der Fonds im selben Maß wächst, zahlen die E-Book-Autoren die Hörbücher mit.

Warum Amazon das macht

Amazon begründet den Schritt mit den „großartigen Ergebnissen für Autoren mit E-Books in KDP Select“ und dem Ziel, „ein erweitertes Angebot, das Leser beim Lesen hält“ aufzubauen und neue Abonnenten zu gewinnen. Übersetzt: Die Konkurrenz ist im Abo-Hörbuch inzwischen größer als im E-Book. Spotify weitet Hörbücher bis Jahresende auf über 180 Märkte aus, Bonnier hat Nextory gekauft, und YouTube verhandelt laut Wall Street Journal mit Verlagen über ein eigenes Hörbuchangebot in YouTube Premium. Audible, Amazons eigener Hörbuchdienst, kostet extra. Kindle+ holt das Hören in das Abo, das schon Millionen Leser bezahlen, und füllt den Katalog mit Material, das Amazon am günstigsten bekommt: KI-gesprochene Versionen von E-Books, die ohnehin exklusiv bei Amazon liegen.

Parallel dazu räumt Amazon bei ACX auf. Das alte Vergütungsmodell endet nach Angaben der Alliance of Independent Authors zum 31. Dezember 2026; wer seine Audible-Titel bis dahin nicht in das neue Modell mit dem „Member Value“-Pool überführt, verliert sie aus dem Verkauf. Wie das neue Modell rechnet, steht im Artikel Hörbuch im Self-Publishing. Beides zusammen, Kindle+ und das neue ACX-Modell, verschiebt die Hörbuch-Vergütung bei Amazon von festen Prozentsätzen pro Verkauf zu Anteilen an einem Topf, dessen Größe Amazon bestimmt.

Was das für Self-Publisher bedeutet

Erstens: Wenn du nur im deutschen Shop veröffentlichst, ändert sich für dich heute nichts außer dem Namen. Tausche bei Gelegenheit das Badge, schreib in deinen Anzeigen und Newslettern „Kindle+“ statt „Kindle Unlimited“, und zwar am besten eine Weile beides, weil deine Leser den alten Namen noch suchen. Zweitens: Deine Entscheidung für oder gegen KDP Select entscheidet ab jetzt auch über dein Hörbuch. Wer sein E-Book exklusiv bei Amazon hat und eine Virtual-Voice-Version besitzt, ist automatisch drin, ohne Einwilligung und ohne eigenen Satz. Wer sein Hörbuch mit einem Sprecher produziert hat und nicht exklusiv bei Audible liegt, etwa weil es über tolino media oder Spotify for Authors auch bei BookBeat und Spotify läuft, bleibt draußen, und das ist für die meisten deutschen Autoren vorerst die bessere Position. Drittens: Rechne nicht mit Hörbuch-Einnahmen aus Kindle+. Ein Roman mit 300 KENP bringt komplett gelesen zur September-Rate 1,61 Dollar; komplett gehört bringt er dasselbe, aber nur, wenn der Hörer ihn nicht vorher schon gelesen hat. Ein Audible-Verkauf desselben Buches bringt ein Vielfaches. Viertens: Beobachte die Rate. Die Oktober-Zahlen kommen um den 15. November und zeigen zum ersten Mal, ob Amazon den Topf wirklich aufstockt oder ob die neuen Hörer aus dem bestehenden Fonds bezahlt werden. Wir berichten dann.

Quellen: KDP Community: Kindle Unlimited is now Kindle+, KDP audiobooks now included (Ankündigung vom 22. Oktober 2026), Written Word Media: Kindle Unlimited Is Now Kindle+: What Authors Need to Know (Zulässigkeitsregeln, Abrechnung, Berichte), Author Media: Kindle Unlimited Is Dead: Long Live Kindle+, Indie Author Magazine: Kindle Unlimited Is Now Kindle+ / ACX payment model ends, Engadget: Amazon rebrands Kindle Unlimited to Kindle+ (Abonnenten-Mail, 22. Oktober), teltarif.de: Kindle Unlimited wird zu Kindle+ (Stand in Deutschland), Publishers Lunch: Kindle Unlimited Becomes Kindle+ (Amazon-Zitate), Publishing Perspectives, 26. Oktober 2026 (TNPS-Zahl 4,99 Mrd. Dollar)