EPUB-Barrierefreiheit ab 2025: Der European Accessibility Act

Ab Juni 2025 gilt in der EU der European Accessibility Act. Was das für dein E-Book konkret bedeutet.

Die Deadline rückt näher: Zum 28. Juni 2025 tritt die europäische Richtlinie für digitale Barrierefreiheit in Kraft. Das ist nicht nur eine Nettigkeit für Menschen mit Behinderung – es ist ab diesem Datum EU-Gesetz. Viele Self-Publisher wissen noch nichts davon. Wer früh handelt, hat einen Vorteil.

Was ist der European Accessibility Act (EAA)?

Der EAA ist eine EU-Richtlinie, die digitale Produkte und Dienste barrierefrei machen soll. Das betrifft Websites, Apps – und auch E-Books. Ziel: Menschen mit körperlichen Behinderungen (Sehbehinderung, motorische Einschränkungen, Dyslexie) sollen digitale Produkte genauso nutzen können wie alle anderen.

Das ist für Verlage und große Plattformen bindend. Für kleine Self-Publisher ist die Situation kompliziert: Es gibt Übergangsphasen und viele Details sind noch nicht final geklärt. Aber der Trend ist klar – von 2025 an geht es bergauf mit den Anforderungen.

Wen betrifft die Pflicht?

Hier wird es schwammig. Große Unternehmen (über 250 Mitarbeiter) sind definitiv betroffen. Kleinere Unternehmen haben Übergangsphasen. Ein Solo-Self-Publisher mit einem Buch? Das ist rechtlich noch nicht eindeutig geklärt. Die sichere Annahme: Wenn du dein E-Book auf Plattformen wie KDP oder Tolino Media verkaufst, gilt die Plattform als Anbieter und nicht du direkt. Aber wenn du dein Buch selbst vermarktest oder über deine Website verkaufst, wird es unklar.

Die praktische Empfehlung: Fang jetzt an, dein E-Book barrierefrei zu gestalten. Nicht aus Angst vor Strafen, sondern weil es moralisch richtig ist und dir am Ende Vorteile bringt (bessere Kundenzufriedenheit, längere Lesbarkeit, größeres Publikum).

Was ein barrierefreies E-Book ausmacht

Barrierefreiheit ist nicht ein Schalter, den man an- oder ausschaltet. Es gibt ein Spektrum. Ein barrierefreies E-Book hat folgende Grundzüge:

☑ EAA-Checkliste: Barrierefreies E-Book (Pflicht ab Juni 2025)
Strukturierte Überschriften: H1 nur einmal (Buchtitel), H2–H6 hierarchisch korrekt
Alt-Texte für alle Bilder: Beschreibender Text für Screenreader, dekorative Bilder mit alt=""
Logische Lesereihenfolge: Spine-Reihenfolge = visuelle Lesereihenfolge im EPUB
Sprachattribut: lang="de" im <html>-Tag gesetzt
Inhaltsverzeichnis (TOC): Navigations-NCX und landmarks vorhanden
Kein reines Bild-PDF: Fließtext als echten Text, nicht als Bild eingebettet
Kontrastanforderungen: Schriftfarbe zu Hintergrund mind. 4,5:1 (WCAG AA)
Accessibility-Metadata: schema:accessibilityFeature im OPF eingetragen
Validierung: EPUBCheck 5.x und Ace by DAISY ohne kritische Fehler
  • Menschen mit Sehbehinderungen können es mit Screen-Readern lesen (Audio-Ausgabe)
  • Menschen mit motorischen Einschränkungen können navigieren (Keyboard-Nutzung)
  • Menschen mit Farbenblindheit oder Kontrast-Empfindlichkeit können es lesen (genug Kontrast)
  • Menschen mit Dyslexie können Text vergrößern und Schriftart ändern
  • Die Lesereihenfolge ist logisch (nicht durcheinander)

EPUB Accessibility 1.1 – die technischen Anforderungen

Der Standard heißt EPUB Accessibility 1.1. Das ist die technische Anleitung, wie du dein E-Book barrierefrei machst. Die wichtigsten Anforderungen:

  • Strukturiertes Markup: Überschriften müssen mit H1–H6 gekennzeichnet sein, nicht einfach größerer Text
  • Lesereigenschaften: Leser sollen Schriftgröße, Farbe, Zeilenabstand selbst anpassen können – das EPUB muss das unterstützen
  • Semantische Struktur: Der Aufbau (Titel, Kapitel, Absätze, Listen) muss im Markup sichtbar sein
  • Inhaltsverzeichnis: Ein funktionales Inhaltsverzeichnis ist Pflicht
  • Seiten-Navigation: Wenn du Seitenangaben hast (für Hardcover-Referenz), müssen diese markiert sein
Faustregel: Ein minimal barrierefreies E-Book hat eine klare Struktur (Überschriften, Absätze), ein Inhaltsverzeichnis, sauberes HTML-Markup und keine Bilder ohne Beschreibung.

Bilder und Alt-Texte

Jedes Bild im E-Book braucht einen Alternativtext – kurz Alt-Text. Das ist die Beschreibung, die Screen-Reader vorlesen, wenn jemand mit Sehbehinderung dein Buch liest.

Beispiel: Ein Bild zeigt einen Fuchs im Wald. Der Alt-Text könnte sein: „Rotfuchs mit dichtem Fell steht zwischen Bäumen im Herbstwald." Kurz, präzise, informativ. Was du nicht brauchst: „Bild1.jpg" oder 200 Wörter Romanze. Sag dem Leser, was er wissen muss.

Struktur, Navigierbarkeit, Lesereihenfolge

Dein EPUB muss eine logische Lesereihenfolge haben. Das bedeutet: Die Seite wird von oben nach unten, von links nach rechts gelesen – wie ein Buch. Wenn du verschachtelte Layouts oder Textboxen hast, die an unerwarteten Stellen stehen, wird das ein Problem für Screen-Reader.

Ein gutes Test-Tool: Öffne dein EPUB in der kostenlosen Software Ace (DAISY Ace) und lass es überprüfen. Sie findet Fehler in der Struktur und warnt dich vor Problemen. Das ist gratis und sehr hilfreich.

Tools zur Barrierefreiheitsprüfung

Es gibt einige kostenlose und bezahlte Tools:

  • DAISY Ace: Gratis, macht ein automatisches Audit deines EPUB. Nicht perfekt, aber gut genug.
  • Pagina EPUB Checker: Spezialisiert auf E-Books, zeigt Compliance-Fehler an.
  • Accessibility Checker von Calibre: Kostenlos, im populären E-Book-Manager eingebaut.
  • Screen Reader Test: Nutze NVDA (kostenlos) auf Windows, um dein EPUB mit Screen-Reader zu testen.

Im Idealfall machst du beides: Automatisches Tool + manuelles Testen (oder ein anderer Mensch mit Screen-Reader testet dein Buch).

Was du ab jetzt tun solltest

1) Überprüfe dein aktuelles E-Book-Setup: Hast du ein EPUB oder nur ein DOCX bei KDP? 2) Wenn DOCX: Konvertiere es zu EPUB und überprüfe die Struktur. 3) Lade dein EPUB in Ace hoch und behebe die gemeldeten Fehler. 4) Schreib Alt-Texte für deine Bilder. 5) Testen mit deinem eigenen E-Book-Reader (Kindle, Tolino, Kobo) – können Leser die Schrift vergrößern? 6) Für neue Bücher: Wähle einen Workflow, der von Anfang an barrierefrei ist (z.B. Markdown → EPUB, nicht DOCX → EPUB).

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